Insektensterben

Kein Lebensraum mehr: Intensive Landwirtschaftsfläche bei Trier, Juni 2018
Steine fühlen sich hier wohl: Ein Vorgarten in Trier, Juni 2018
Lebensraum für die Kornblume: Glyphosatfreie Bordsteinkante, Trier-Irsch, Juni 2018

Artenvielfalt in Mitteleuropa

Die Flora und Fauna Mitteleuropas wurde jahrmillionenlang durch den Wechsel von Eis- und Warmzeiten geprägt. Während der Eiszeiten war Mitteleuropa überwiegend baumfreies Steppenland, während der Warmzeiten nahezu vollständig bewaldet. Jeder Wechsel verursachte den Rückzug oder das Aussterben bestimmter Arten, während andere die neuen Lebensräume für sich erschlossen. Die letzte Eiszeit endete vor etwa 12500 bis 10000 Jahren. Die Offenlandarten, die den Waldarten seitdem hätten weichen müssen, profitierten jedoch vom aufkommenden Menschen, der durch Rodung, Ackerbau und Viehzucht steppenähnliche Zustände förderte.

Die größte Artenvielfalt erreichte Mitteleuropa vermutlich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, ausgerechnet dank des Menschen, der die Natur seit der Jungsteinzeit ausbeutete. Die Böden, durch die damalige Formen der Bewirtschaftung ausgemagert und vegetationsarm, boten einwandernden Offenlandarten aus dem Norden, Osten und Süden ideale Verhältnisse. Die jahrtausendelange traditionelle Landnutzung, wie sie zum Beispiel in den Graslandschaften Südosteuropas teilweise noch bis heute fortbesteht, schuf Artengemeinschaften, die es so sonst nirgendwo auf der Welt gibt und deren Reichtum teilweise sogar den der tropischen Regenwälder übertrifft.

Ursachen des Insektensterbens

Bis vor etwa 150 Jahren war es die kleinbäuerliche Landwirtschaft, welche die Artenvielfalt, ohne es zu beabsichtigen, förderte. Allerdings konnten die damaligen Anbau- und Erntemethoden den Bedarf der Bevölkerung an Nahrungsmitteln nicht decken. Mangel und Hungersnöte waren die Folge. Dies änderte sich mit der Erfindung des künstlichen Stickstoffdüngers und dessen fast flächendeckender Anwendung seit 1950. Zusammen mit den Stickstoffemissionen aus Verbrennungsmotoren ist vor allem die landwirtschaftliche Düngung dafür verantwortlich, dass der Eintrag von Stickstoff durch den Regen aus der Luft selbst auf landwirtschaftlich nicht genutzten Flächen heute um den Faktor 20 höher ist als noch vor 60 Jahren. Stickstoff ist aber ein indirektes Insektengift. Denn die wenigen Pflanzenarten, die vom Stickstoff profitieren, wachsen höher und dichter als früher und schaffen dadurch ein insektenfeindliches, feuchtkühles Mikroklima in Bodennähe. Insekten finden heute kaum noch offene Stein-, Erd-, Sand- und Schlammflächen und wärmeliebende Arten wie Schmetterlinge keine Sonnenplätze mehr. Außerdem verdrängen die stickstoffgenährten konkurrenzstarken Pflanzen die für die Insekten lebensnotwendigen Arten. Insgesamt nimmt in der Folge die Verbuschung und Bewaldung der Landschaft zu. Die Rote-Liste-Arten Mitteleuropas sind jedoch die Arten des Offenlandes.

Ebenfalls seit Mitte des letzten Jahrhunderts nimmt die Intensivierung der Landwirtschaft zu. Äcker und Wiesen werden heute von hocheffizienten Landmaschinen bis auf den letzten Quadratmeter bearbeitet und lassen für Tiere nichts mehr übrig: Feldhecken und Wildkräuter sind verschwunden, Wiesen werden vor der Blüte gemäht, Ernteabfälle bleiben kaum noch liegen. Gab es angesichts von Überproduktion bis vor wenigen Jahren noch Fördermittel aus dem europäischen Agrarhaushalt zur Stilllegung von Flächen, auf denen sich Wildkräuter entwickeln konnten, werden dort heute häufig Energiepflanzen angebaut. Diese Umweltschutzmaßnahme zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger steht dem Artenschutz diametral gegenüber.

Als weitere Ursache des Insektensterbens sind natürlich auch die direkten Ackergifte zu nennen. Ein Mittel, dem in den letzten Jahren große mediale Aufmerksamkeit gewidmet war, ist Glyphosat. Dieses ist kein Insektizid, sondern ein Totalherbizid, das nicht-selektiv alle Pflanzen absterben lässt (es sei denn, sie seien entsprechend genetisch verändert worden). Glyphosat wird angewendet, um die vor der eigentlichen Feldfrucht auflaufenden unerwünschten Unkräuter zu vernichten, wodurch vielen Insekten die Lebensgrundlage entzogen wird. Im Gegensatz zu Glyphosat sind die Neonicotinoide Insektizide zur Bekämpfung sogenannter Schädlinge auf Nutzpflanzen. Problematisch an diesen Mitteln ist unter anderem jedoch, dass sie natürlich auch die bestäubenden Insekten schwächen, die das Gift über Nektar und Pollen aufnehmen. Neonicotinoide beinträchtigen zum Beispiel bei Bienen erwiesenermaßen das Orientierungsvermögen, die Kommunikationsfähigkeit, die allgemeine Fitness sowie die Fruchtbarkeit.

Als Ergebnis der landwirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte sind die heutigen Agrarflächen für Insekten unbewohnbare grüne Wüsten geworden.

Situation heute

Der Rückgang der Insekten hat innerhalb weniger Jahrzehnte ein erschreckendes Ausmaß angenommen. So sind zum Beispiel von den 186 in Deutschland vorkommenden Tagfalterarten in den letzten 100 Jahren 61% seltener geworden oder ausgestorben, während nur 2% häufiger geworden sind. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren sind die Bestände von 45% der Arten weiter zurückgegangen. Der Trend setzt sich also ungebrochen fort. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2006 untersuchte den Rückgang der Tagfalterarten im Raum Trier im Vergleich zum Jahr 1972 und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Und nach einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2017, die sich auf vom Entomologischen Verein Krefeld erhobene Daten stützt, hat die Biomasse der fliegenden Insekten in Naturschutzgebieten Nordrhein-Westfalens innerhalb der letzten 27 Jahre um sogar mehr als 75% abgenommen.

Gegenmaßnahmen

Die landwirtschaftlich übernutzten, also nährstoffarmen Böden Mitteleuropas, die eine große Biodiversität hervorbringen, gibt es kaum noch. Angesichts des wirtschaftlichen Drucks auf die Landwirte, so kosteneffektiv wie möglich produzieren zu müssen, weil die Verbraucher billige Lebensmittel leider bevorzugen, ist eine Extensivierung der Produktionsmethoden unvorstellbar. Solange sich die agrarpolitischen Rahmenbedingung nicht ändern, und davon ist auszugehen, sind die landwirtschaftlichen Nutzflächen für den Artenschutz verloren.

Um das Insektensterben zu beenden und die Artenvielfalt zu erhalten, wäre es dringend geboten, einen Teil des Agrarlands aus der Produktion herauszunehmen und unter Verwendung landwirtschaftlicher Methoden gezielt dem Artenschutz zu unterstellen. Da die existierenden Greening-Programme (Stichwort: ökologische Vorrangflächen) dem Insektensterben offensichtlich nicht Einhalt gebieten konnten, müssten die Mittel erheblich aufgestockt werden. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass es in absehbarer Zeit dazu kommt.

Wenn Agrarflächen für den Artenschutz nicht zur Verfügung stehen, dann müssen eben private und öffentliche Grünflächen in blütenreiche Habitate umgewandelt werden. Für sich genommen hat jede solche Einzelmaßnahme Symbolcharakter und setzt so ein sichtbares Zeichen für die Forderung nach mehr Artenschutz, ein Umdenken über den Umgang des Menschen mit seinen Lebensgrundlagen und eine Diskussion über die Aufgaben der Landwirtschaft im 21. Jahrhundert. Zudem sollte man die Bedeutung eines aus einer Vielzahl kleiner benachbarter Flächen bestehenden Biotopverbunds nicht unterschätzen. Die Mobilität der Insekten ist für den Erhalt von Populationen entscheidend. Diese Mobilität ist nicht gegeben, wenn Naturschutzgebiete wie Oasen in der Wüste sich in einer insektenfeindlichen Umgebung verlieren. Durch die Anlage eines möglichst engmaschigen Netzes von Kleinhabitaten in Privatgärten, auf Firmen- und Industriegeländen sowie öffentlichen Flächen entstehen Lebensräume und Wanderkorridore.

Ziel der Initiative Blühende Landschaft Region Trier ist es, genau diese Lebensräume zu schaffen und miteinander zu vernetzen.

Weiterführende Literatur

Die Informationen auf dieser Seite stammen großenteils aus dem hervorragenden Buch Artenschutz durch Habitatmanagement von Werner Kunz (VCH-Wiley, 1. Auflage November 2016).